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Uhudla

Si.Si. Klocker

Frische Farben braucht das Land

Österreich sank langsam in einen langen, schweren Schlaf - Ein Märchen über Methoden des Widerstands.

Man glaubt es kaum. Es klingt fast wie im Märchen. Wer küßt unser schlummerndes blauschwarz gekleidetes Österreich wieder wach? Wer zieht der Prinzessin auf der Erbse ein buntes Frühlingskleidchen an? Durch alle Schichten, durch alle Klassen rennen sie raus auf die Straßen.?

Bei den einen hat der Winterschlaf noch lange nicht aufgehört. Bei den anderen braucht es einen äußeren Feind, um innen wieder mobil zu machen. Um überhaupt erst mobil zu werden. Und was kann dabei der einzelne bloß tun? Sofern er oder sie nicht unter die Reihen der Dauerschläfer fällt?

Ich zum Beispiel kaufe mir Schuhe in lebensbejahendem Rot. Denn das Private ist ja zugleich politisch. Ich mache auf mich aufmerksam. Welch ein Risiko, ich könnte unangenehm ins Gesichtsfeld rücken. Turnschuhe aus rotem Glattleder der Größe 43. Plötzlich wird Gefahr modern. Ich benötige Schuhe, damit ich auffalle, überall erkannt werde, dem allgemeinen Geschma*ck widerspreche, zum AuEenseiter, zum Systemfeind werde.

Das muß jetzt auch die Kleidung hergeben: Nämlich? Meine Position, meine Verschwörung, meinen ganz persönlichen Kommentar zur Politik unseres Zwergenstaates. Der jetzt allerdings überall Furore macht, nur leider ist die PR-Strategie doch etwas überdenkenswert. Wir waren ja immer die Avantgarde, und als solche stößt man eben auf Ablehnung? Oder: "Auffallen um jeden Preis"?

Auf den Berliner Filmfestspielen wird man zum Star, wenn man aus österreich kommt und das - Frage- und Antwort-selei beherrscht

Ich sah meine Nationalstaatlichkeit bisher nicht, aber die anderen sind mit Urteilen und Vorurteilen schnell zur Hand. Ich will mich hinaus filmen aus österreichischer Verhaiderung, den Notlügen, dem Opfergebaren und Trotzorgien einer Regierung, die n.icht die meine ist. Die das andere ist. Das, was ich am liebsten ausgrenzen würde, was sich aber nicht mehr ausgrenzen läßt. Es läßt sich einfach nicht mehr leugnen. Unsere Prinzessin schläft und beschert vielen von uns Alpträume. Doch das schlimmste ist, neben Kürzungen und Sparpaketen an allen möglichen Ecken und Randgebieten der Gesellschaft:

Die Farben, welche den süßen Sommerhimmel die schwarze Sternennacht bezeichnen, sind mit einemmal verdorben, klassifiziert zum Feindbild, zur Feindfarbe geworden. Darum meine roten Schuhe, mein persönlicher Farbstreich, meine uranständige Hingabe an eine seiner Lieblingsfarben.

Gegen Pink, Orange und Zartlila ist ja auch nichts einzuwenden, im Gegenteil.

Bei den Nahrungsmitteln gibt es keine Apartheid. Blaubeeren sind ja noch nicht reif. Schwarze Johannisbeeren, schwarze Spaghetti zählen auch kaum in der Haute Cuisine. Was würde passieren, wenn alle roten Gerichte vom Tisch verschwinden würden? Quasi in Opposition gehen würden? Alles Rote liegt ab heute nur noch neben dem Teller.

Keine Tomaten, keine Kirschen, kein rohes Fleisch, keine Radieschen, ... keine Rosen, ... kein Lippenstift. Eine Welt in blau und schwarz bricht düster herein, jede Vitalität wird ausgegrenzt und abgeschoben, ob Ausländer oder Frauenprojekte, die ausgeblutet werden sollen, auch in der Kunst, darf kein gutes Herzblut mehr fließen. Verroht, kalt und in sterilen Blautönen, die von einem schmutzigen braun untermischt sind, werden hier und dort die Projekte wohl in bälde aus dem Boden schießen.

Filmheldinnen zeigen wieder Bein, und knien bereitwillig im roten Minikleid für einen wenn auch angedeuteten Blowjob.

Ich gestehe, daß auch in mir ein unbändiges Bedürfnis entsteht. Aber nicht danach. Eine Gier, eine Lust, ein unbändiges Begehren nach? Ja wonach eigentlich. Nach einem Megaorgasmus, den ich mir und Österreich bereiten möchte, damit es wieder aus seinem Schlaf erwachen möge. Ich möchte dieser sexuell frustrierten Prinzessin endlich wieder Lust bereiten.

Welche Farbe hat eigentlich der Humor? Der Witz, das Lachen? Welche Farbe hat die Eigenständigkeit, das Originelle, das Chaos?

Ich beginne, mir vorzustellen, was geschähe, wenn Menschen aller Altersgruppen Österreichs, von Kopf bis Fuß in Rot, Pink und Orange gekleidet um den Wiener Ring tanzen würden, wenn Mädchen, Frauen und Großmütter in saftigen, frischen Rottönen ins Parlament eindringen, wenn dazu alle Buben in Gelb und Pink, Hellblau, Türkis und die Männer in Grün und vielleicht auch violett oder mal in Rosa gekleidet auf der Straße stünden, und die Pluralität der Möglichkeiten allein mit der Wahl ihrer Farben zum Ausdruck brächten. Ich bin für die Vielfalt der Farben, gegen die Dominanz und Kolonialisierung von blau-schwarz. Eine Farbbombe fliegt aufs Parlament und wir verpacken wie Christo das Bundeskanzleramt mit einer bunten Blumenwiese. Ich schweife ab. Verzeih mir du holde Prinzessin. Aber ich versuche, Dich auf meine Weise aufzuwecken.

Meine roten Turnschuhe tragen mich durch die Stadt. Sie erregen mich. Sie bereiten mir eine heimliche Freude. Sie versetzen mich in einen Zustand, der rar ist, in diesem Land. Sie vermitteln mir Kraft und Feuer. War das vorige Jahrhundert in Europa wesentlich von der Farbe rot und schwarz bestimmt - Nationalsozialismus, Kommunismus und Sozialismus haben sich dieser Farbe bemächtigt -, so scheint sich blau, die Farbe der Romantik, der Sehnsucht, der Ferne, des Meeres, der Ruhe in den Vordergrund zu drängen.

Harmlos mit gelben Sternlein auf blauer EU-Flagge, versinnbildlicht sie ein zur Ruhe gekommenes Europa, welches aber noch lange braucht, um befriedet zu werden.

Die Mehrheit der Österreicher hat wie unsere Prinzessin eine blau-schwarze Schlaftablette eingenommen. Eine Überdosis, die zweifelsohne beruhigend wirkt. Schlafe wohl!

Wir werden Dich wach küssen.

 

 

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